Einen tragfähigen Rücken braucht das Reitpferd

Wenn ein Pferd einen Reiter tragen soll, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen, braucht es einen tragfähigen Rücken. Doch was bedeutet das und was kann ich dafür tun? Auf diese Fragen möchte ich heute etwas genauer eingehen.

 

Auf Fotos 1 sieht man ein älteres Pferd zwischen 20 und 25 Jahre alt, dessen Futter- und Muskelzustand es nicht zulassen, dass es noch geritten werden kann. Einen solchen Zustand findet man häufig vor allem bei älteren Pferden, man kann ihn aber auch oft in ähnlicher Weise bei jungen Tieren beobachten. Auf die Fütterung möchte ich an dieser Stelle nicht im Detail eingehen. Jedoch gebe ich zu bedenken, dass ein Pferd in diesem Zustand auch mehr Energie in Form von Futter braucht, um Muskulatur aufbauen zu können. Ausserdem sollte man in Betracht ziehen, das Pferd in der kalten Jahreszeit einzudecken. Auch dies kann einen positiven Einfluss auf den Aufbau und das Wohlbefinden haben. Denn je mehr Energie ein Pferd nutzt um sich warm zu halten, desto weniger steht im Zweifelsfall für den Muskelaufbau zur Verfügung.

Foto 1: Nicht tragfähiger Rücken eines älteren Pferdes
Foto 1: Nicht tragfähiger Rücken eines älteren Pferdes

Doch warum ist dieser Rücken nicht tragfähig?

Das Gewicht des Reiters wird von der Wirbelsäule und den unterstützenden Bändern getragen. Dabei spielen auch die tiefen Muskeln im Rücken eine Rolle (Multifidi-Muskeln). Ohne sie kann der Rücken nicht in einer guten und damit gesunden Haltung bleiben. Unter gesund verstehe ich vor allem unter Belastung aufgewölbt und nicht nach unten durchgedrückt. Um das Reitergewicht tragen zu können braucht es dafür vor allem starke Bauchmuskeln. Man spricht hierbei von einem starken Kern. Die Bauchmuskeln sorgen dafür, dass sich der Rücken hebt und das Becken in einer gekippten Position ist. Eine aktiv untertretende Hinterhand und die entsprechende Position von Kopf und Hals unterstützt den Rücken zusätzlich. Bei Pferden mit einem schwachen Kern übernimmt der lange Rückenstrecker (Longissimus dorsi), bei dem es sich um einen Bewegungsmuskel handelt, die Arbeit der tiefliegenden Rückenmuskeln (Multifidi-Muskeln). Rückenschmerzen können dadurch entstehen und der gesamte Bewegungsapparat wird betroffen sein (Becken, Hinterhand, Selbsthaltung, Leistungsfähigkeit etc.).

 

Auf dem zweiten Foto sieht man einen Pferderücken, der bereits in einem soliden Zustand ist. Die Dornfortsätze der Wirbelsäule sind nicht sichtbar und die Muskulatur ist gut ausgeprägt. Aber auch hier kann noch mehr aufgebaut werden, vor allem an Bauchmuskeln und im Bereich der oberen Halsmuskulatur (Trapezmuskel).

Foto 2: Tragfähiger Rücken im Aufbau
Foto 2: Tragfähiger Rücken im Aufbau

Egal ob guter oder schlechter Rücken, es ist immer sinnvoll regelmässig einen Osteopathen kommen zu lassen. Dieser kann Verspannungen erkennen und therapieren, sodass schwerwiegende Probleme gar nicht erst entstehen.

 

Doch was mache ich, wenn ich sehe, dass der Rücken meines Pferde nicht tragfähig ist? Und kann ich trotzdem noch Reiten?

Diesen beiden fragen müssen eher von Fall zu Fall betrachtet werden und ich möchte hier keine Pauschalantworten liefern. Generell möchte ich aber sagen, dass ein Rücken erst wieder tragfähig gemacht werden sollte bevor ans Reiten gedacht wird. Denn egal wie gut ein Sattel gepolstert ist, er wird nicht die ganzen Funktionen einen funktionierenden Muskulatur übernehmen können. Wenn der Kern schwach ist und der Rücken trotzdem belastete wird, wird sich der Rücken zwangsläufig durchdrücken und die Dornfotsätze der Wirbelsäule werden sich annähern. Dies wird dem Pferd Schmerzen verursachen, was wiederum eine Verbesserung des Zustandes verhindert.

 

Longieren mit dem Kappzaum, Stangenarbeit, lange Weidegänge, Spaziergänge (vor allem auch Bergauf) und weitere gymnastizierende Arbeit an der Hand werden den Zustand langfristig verbessern können. Man muss sich bewusst sein, dass dies einige Wochen und Monate in Anspruch nehmen kann. Aber unseren Pferden zuliebe sollte man diese Reitpause unbedingt durchführen. Am Ende wird man länger ein gesundes und fittes Pferd haben.

 

Vor allem möchte ich betonen, dass es nicht so sehr auf die Rasse des Pferdes ankommt, ob eine Rücken gut oder schlecht bemuskelt ist. Sicherlich sind manche Pferde bzw. Rasse vom Gebäude her schwieriger und man darf sie nicht zwingend mit anderen vergleichen. Doch auch Kutschen- und Gangpferde können eine gesunde Muskulatur aufbauen. Auch sie sind mit dem richtigen Training in der Lage den Hals zu strecken und den Rücken aufzuwölben.

 

Ist der Rücken mit einem starken Kern erst wieder aufgebaut, muss dringend die Passform des Sattels überprüft werden. Sollte dieser nicht optimal passen macht man sich schnell seine zuvor geleistete Arbeit wieder zunichte.

Je älter das Pferd ist desto schwieriger wird es Muskulatur wieder aufzubauen. Daher sollte dafür gesorgt werden, dass es zu keinen dramatischen Abbau kommt.

 

Oft ist es eine Form von Egoismus, dass wir finden unsere Pferde Reiten zu müssen. Zum Wohle des Pferdes sollten wir genau bedenken, ob und wann Reiten sinnvoll ist und wie wir unser Pferd bestmöglich unterstützen können. Denn am Ende wollen wir alle ja eigentlich einen glücklichen und gesunden Partner, dem es keine Mühe oder gar Schmerzen bereitet wenn wir unsere Freizeit mit ihm verbringen wollen.


Literaturtipp

Buch und DVD von Gillian Higgins:

Anatomie verstehen besser reiten - Bewegungsabläufe sichtbar gemacht

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