Der Beginn des Longierens - Raum geben und nehmen

Longieren ist eine anspruchsvolle Trainingsmethode für Pferd und Mensch. Es bedarf viel Übung und es muss auf einiges geachtet werden, damit es für das Pferd zum gesundheitsfördernden Ausbildungsweg wird. Ob man mit Kappzaum, Halfter oder frei longiert ist hierbei nicht relevant. Wichtig ist das wie und nicht das womit. Schon ganz am Anfang kann es hierbei aber zu ersten Problemen kommen. Im Gespräch mit einer Pferdebesitzerin gestern erzählte sie mir, dass sie ihr Pferd zwar gerne longieren würde, sie es aber nicht auf Distanz bringen könne. Es würde einfach bei ihr bleiben wollen, quasi an ihr kleben und Druck würde absolut nicht funktionieren. Mit Druck meinen wir in diesem Zusammenhang praktisch immer den Einsatz einer Gerte oder einer Peitsche. Bei einigen Pferde funktioniert es ganz gut, sie über dieses Druckmittel, wenn auch nur "fein" touchiert, auf Distanz zu bringen. Aber erst Pferde, die sich dagegen wehren lehren uns, dass es auch andere Wege gibt. Und ja, nur weil ein Pferd auf äussere Druckmittel mit Frustration und Gegendruck reagiert, müssen wir weder das Longieren von unserer Wunschliste streichen, noch müssen wir einen Plastiksack an die Gerte binden um ihm das Nachgeben ein für allemal zu erklären.

 

Das Pferd von sich wegschicken

Es ist ein weitverbreitetes Konzept, dass man, um eine räumliche Distanz vom Pferd zu bekommen, dieses von sich wegschickt. Doch was ist nun, wenn ich ein Pferd habe, dass sich umwohl fühlt weggeschickt zu werden? Ich sehe einen Unterschied darin, ob ich ein Pferd wegschicke und ihm signalisiere es nicht bei mir haben zu wollen, oder ob ich ihm erkläre, dass ich zwischendurch einfach mehr Raum brauche. Unsere Intention spielt für mich dabei eine entscheidende Rolle.  Wenn wir sagen, dass ich das Pferd von uns weiter weg haben möchten, so nutzen wir in aller Regel die bereits erwähnten Druckmittel. Hierdurch kann es sehr leicht passieren, dass nicht nur die räumliche Distanz grösser wird, sondern auch das Gefühl der Verbundenheit verloren geht. Ausserdem gibt es Pferde, die auf Druck mit starken Gegendruck reagieren, was für eine Gemeinsamkeit wiederum negative Folgen hat. Wenn ich aber sage, dass ich für mich in diesem Moment mehr Raum brauche, so können wir in andere eine Kommunikation treten. Ziel hierbei ist eben nicht, es ein für alle mal zu klären was es bedeutet wenn ich sage, das Pferd soll raus gehen. Denn dies wird ein Pferd, das mit uns verbunden bleiben möchte, sehr irritieren. Vielmehr kann ich mit Distanzen spielen und ihm erklären, dass wir auch auf grösseren Abstand verbunden bleiben können. Ich stoss es also nicht von mir weg, sondern ich nehme mir kurzzeitig einfach mehr Raum.

 

Das Konzept von Raum geben und nehmen

Wir Menschen neigen dazu, am liebsten schnelle Ergebnisse haben zu wollen. Gerne möchten wir dem Pferd das Longieren einmal erklären, damit wir zum nächsten Schritt übergehen können. Das Konzept vom "Raum geben und nehmen" ist im Gegensatz dazu eher spielerisch. Longieren kann das Zeil davon sein. Aber erst einmal steht ein Gespür für den Raum und die Verbundenheit im Vordergrund. Wenn ein Pferd sehr nah bei uns sein möchte und wir uns dabei unwohl fühlen, so nimmt es quasi immer Raum ein und wir überlassen ihm diesen. Im Gegenzug ist es aber auch uns gestattet seinen Raum einzunehmen. Allein dadurch, dass wir auf das Pferd zugehen, wenn wir es zum Beispiel in einem Kreis führen und dabei auf seiner Aussenseite laufen, lässt uns Raum einnehmen. Das soll nicht heissen, dass wir das Pferd nun immer von uns weichen lassen sollen. Denn es geht um nehmen und geben. Haben wir für einen Moment selber Raum eingenommen, so können wir anschliessend selber wieder Raum geben und das Pferd auf uns zukommen lassen. Bei manchen Pferden kann hierdurch bereits ein Abstand entstehen, den wir durch Lob bestätigen können. Indem wir spielerisch mit dieser Übung umgehen, kann die gefühlter Verbundenheit bestehen bleiben.

 

Führposition Eins

Sehr gerne arbeit ich vom Boden aus in der sogenannten Führposition Eins. Diese ist für mein Verständnis vor dem Pferd und diesem zugewandt. Das bedeutet, dass ich das Pferd nicht einfach irgendwie hinter mir gehen lassen und mich selber hauptsächlich auf den Weg vor mir konzentiere. Denn das kann für viele Pferde bedeuten, dass sie die mentale Verbindung zu uns mindestens teilweise verlieren. Zugewandt heisst, dass ich von der Körperposition her entweder nur leicht nach hinten gedrecht gehe, oder gar komplett rückwärts vor dem Pferd laufe. Gerade dies letzte Variante hat eine grosse Bedeutung für das Pferd. Denn wir sind so in der Lage, eine starke Verbindung zu halten und individuell auf seine Reaktionen einzugehen. Auch aus dieser Position heraus kann das Longieren etabliert werden, in dem ich vom Raum geben in dein Raum nehmen wechsel. Ich werde versuchen dies später einmal in einem separaten Artikel zu thematisieren.

 

Kreativ werden

So unterschiedlich wie wir Menschen und unsere Pferde optisch und vom Charakter her sind, so unterschiedlich müssen sie auch trainiert werden. In meinen Augen gibt es nicht den einen Weg. Stattdessen gibt es einen bunten Strauss voller Möglichkeiten und daraus können wir auswählen, welche Herangehensweise für uns und unser Pferd in diesem Moment die optimalste ist. Was das Thema Longieren betrifft bedeutet das für mich auch, mit den Positionen und der Körpersprache zu spielen. Hierzu müssen wir zum Teil wieder kindlicher werden, verspielter. Was löst es bei meinem Pferd aus, wenn ich auf Kopf-, Schulter-, Bauch- oder Kruppenhöhe gehen? Was, wenn ich meine Füsse in der Bewegungsrichtung des Pferdes setze und was, wenn sich meine Zehen gegen das Pferd drehen? Was wenn ich mich stark aufrichte, oder gebeugter gehe? All dies hilft uns als Mensch, den eigenen Körper wieder bewusster wahrzunehmen. Hierfür empfehle ich dies auch einmal ohne Pferd zu üben, damit wir uns ganz auf uns konzentrieren können. Aber auch mit dem Pferd kann man mit den Positionen und Haltungen spielen und dabei beobachten, welche Reaktionen entstehen.

 

Am Ende longieren

Das Longieren ist für mich also ein Ergebnis aus zuhören, Raum geben und nehmen, verbunden bleiben und Kreativität. Ich habe ein paar Jahre nach einer definierten Methode longiert, obwohl diese auch bereits sehr auf das Pferd eingeht und Kreativität durchaus zulässt. Aber erst seit ein paar Monaten gehe ich an dieses Thema wieder offener heran. Für mich im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit mir selber, meine Art mich zu bewegen, sowie meine Bedürfnisse und Vorstellungen. Aus dieser Beobachtung, vor allem auch im Zusammensein mit einem Pferd, kann etwas entstehen, das wir Longieren nennen. In der Realität ist es aber viel mehr, nämlich Kommunikation, Verbundenheit und gezielte Körperschulung für Mensch und Pferd.

 

Ich wünsche euch viel Freude auf dem Weg zum Longieren!

Kursempfehlung

Atmung und Körpersprache für Pferdemenschen, 30. April 2017 in 3035 Frieswil/BE

 

Zum Weiterlesen:

Gratis-Ratgeber "Achtsamkeit für Pferdemenschen"

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Kristina Gau Hiltbrunner

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