Das Stimmlob unter der Lupe

Ich lobe sehr vielfältig und gerne auch mit der Stimme. Doch plötzlich stellte ich ein Problem fest. Vielleicht geht es dem ein oder anderen ja auch so.


Als erstes fiel mir vor einer Weile auf, dass ich sehr unterschiedliche Lobworte nutze. Dies hat hauptsächlich den Grund, dass ich ungewollt Worte, die ich regelmässig höre, stark in mein Vokabular aufnehme. Das ist bei mir in allen Lebensbereichen so und beinhaltet auch den Klang z.B. eines Dialektes. So haben sich im Laufe der Zeit einige Lobworte angesammelt, die ich mehr oder weniger intensiv nutze. Erst kürzlich kam ein neues hinzu: Fein. Dieses Lobwort hatte ich zuvor nicht gebraucht und nun erschrank ich innerlich immer ein wenig, wenn ich es unbewusst brauchte. Denn irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, es war nicht meines. Dieses Gefühl ist mir sehr neu und unangenehm und trotzdem ertappte ich mich noch vor ein paar Tagen dabei das Wort zu brauchen. "Ich muss das lassen", dachte ich mir. Dies war der Auslöser, mich mehr mit dem Thema Lobwort zu beschäftigen. 

Die Wortwahl
Ich finde es weniger relevant, was für ein Wort genutzt wird. Ob "brav", "fein" oder "super", wichtig ist was man wann und wie nutzt. So kann ein Wort als Verlaufslob genutzt werden als Hinweis, dass das Pferd auf dem richtigen Weg ist. Ein anderes Wort definiert dann das Ergebnis. So wichtig wie ich loben finde, so bewusst sollte man es auch einsetzen. Denn wir können Pferde mit unserer Sprache auch desensibilisieren. Bei Dauerbeschallung schalten sie irgendwann ab. Also entweder sie hören nicht mehr richtig zu, oder die Bedeutung des Wortes nimmt ab. Zu überlegen ist also, welches Wort genutzt wird, wenn das Pferd z.B. eine bereits bekannte Übung ausführt, oder wenn es einen grossen Lernschritt macht.

Das Gefühl
Warum möchte ich denn nun das Wort "fein" nicht nutzen? Für mich ist dieses Wort im Zusammensein mit dem Pferd nicht mit dem passenden Gefühl verbunden. Es ist für mich fast schon eine leere Hülle im Kontext des Lobens. Gefühle sind ja etwas schwierig zu beschreiben. Aber zum ersten Mal denke ich nun intensiver darüber nach, was für ein Gefühl ein Lobwort auslöst. Und dadurch stellt sich umgehend auch die Frage, was bedeutender ist: das Wort oder das Gefühl?
Ich denke im Zusammensein mit dem Pferd ist das Gefühl entscheidend. Denn Pferde können unsere Emotionen so gut lesen, dass es praktisch egal ist, welches Wort wir benutzen. Die Tonlage ist dann eher noch entscheidend. Aber ich denke, dass das Gefühl über allem steht. Es gibt dem Wort die Bedeutung. Natürlich können wir Pferde auch auf ein Wort konditionieren, wie im Clickertraining. Aber auf diesen Fall möchte ich nicht weiter eingehen. 

Automatismus 
Je länger man mit Pferden zusammen ist, desto automatisierter werden Abläufe. Man denkt über Handgriffe und Hilfen nicht mehr nach, sondern macht sie einfach. Das finde ich problematisch, auch wenn es zu Teilen normal ist. Aber je bewusster man Dinge durchführt, desto mehr ist man im hier und jetzt bei seinem Pferd und kann die eigenen Fehler besser wahrnehmen. Dadurch ist eine stetige Weiterentwicklung möglich. Doch was ist, wenn das Loben zum Automatismus wird? Was bedeutet das für das Gefühl? Verliert das Lobwort dann mindestens zu Teilen an Bedeutung? Ich meine ja. Ich finde es daher wichtig, auch das Loben nicht einfach so nebenbei zu machen. 

Bewusstsein
Ich befürchte, dass ich mein Loben über die Jahre etwas automatisiert habe. Das erschreckt mich, denn das hatte ich nie vor. Längere Zeit war mein Fokus auf der Form einer Übung. Natürlich ist die Form wichtig, denn bei z.B. gymnastizierenden Übungen, muss diese im Auge behalten werden. Hier kommt es beim Lob vor allem auf das richtige Timing an. Aber das Gefühl darf dabei nicht verloren gehen. Damit meine ich Dankbarkeit, Freude und Wertschätzung. Denn diese Emotionen helfen dem Pferd, die Freude am Zusammensein zu behalten. Ohne sie wird ein Lobwort, so gut gemeint es auch ist, zur Floskel ohne Tiefe. So sollten wir darauf achten, dass unsere Worte bewusst gewählt und nicht einfach so dahin gesagt werden. Das gilt auch für die Kommunikation mit anderen Lebewesen.

Achte dich doch mal. Was für Lobworte nutzt du? Was fühlst du dabei?
Gerne kannst du mir auch über deine Entdeckungen und Erfahrungen berichten.

Zum Weiterlesen:
Was siehst du? Was fühlst du?
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Kommentare: 6
  • #1

    Anne Carrard (Freitag, 13 Oktober 2017 08:08)

    Ich habe angefangen zu danken anstatt zu loben. Du erwähnst das Gefühl, wenn ich lobe ist mein Gefühl anders als wenn ich danke. Da ich der Ansicht bin, ein Pferd schulde uns rein gar nichts bedanke ich mich für gemeinsam erreichte Ziele. Je länger ich mich mit dem Thema Lob und Dank auseinandersetze desto stärker empfinde ich Loben als unangebracht, manchmal gar überheblich. Meiner Meinung nach sollten wir uns selbst loben und dem Gegenüber Danken, egal ob Kind, Pferd oder sonst wem.

  • #2

    Kristina (Freitag, 13 Oktober 2017 10:15)

    Mein Gefühl geht auch immer mehr in diese Richtung! Ich nutze aktuell beides, danken und loben. Manchmal empfinde ich heute loben auch als unpassend. Aber je nach Situation passt für mich eben doch auch ein "super" oder "gut, versuche es weiter und schau, wie es sich dann anfühlt". Aber eben, das Gefühl dahinter empfinde ich als entscheidend!

  • #3

    Marina Atieh (Mittwoch, 18 Oktober 2017 00:34)

    Ich bin der Meinung das ein Lob für das Pferd sehr wichtig ist, weil es bestätigt wird das was verlangt wurde richtig gemacht zu haben, erhöht sein Selbstwertgefühl.Ich lobe gerne und fühl mich gut dabei.
    Ich bedanke mich nach jedem Ausritt das er mich sicher nach hause gebracht hat. Ich bedanke mich nach jeder Platzarbeit das er so gut mitgemacht hat. Es sind zwei verschiedene sachen die wichtig sind, die man aber gemeinsam anwenden kann in einer Trainingseinheit.

  • #4

    Kristina (Mittwoch, 18 Oktober 2017 19:17)

    Hallo Marina
    Ich finde es auch sehr wichtig, dass das Pferd zu bestätigen! Es macht schliesslich oft auch Dinge für uns, die aus Pferdesicht erst einmal unsinnig erscheinen. Aber ich merke, dass hinter verschieden Worten unterschiedliche Gefühle stecken. Für mich fühlt sich ein "gut" anders an als ein "brav". Ich danke neu unter anderem, wenn ein Pferd über seinen Schatten springt und etwas schwieirges probiert. So bedanke ich mich, dass es meine Idee aufgenommen und es versucht hat. Es gibt definitv viele Facetten zu diesem Thema. Schön ist es, wenn man anfängt seine Gefühle wahrzunehmen. Das eröffnet einem zum Teil eine ganz neue Erfahrenswelt :)

  • #5

    Marina Atieh (Mittwoch, 18 Oktober 2017 22:42)

    Hi Tina,
    Ich benutze immer das gleiche Wort zum loben mit immer mit dem gleichen Gefühl einem guten Gefühl.
    Aber Du weißt ich denke nicht nach ich tue einfach, ich lege mir nie einen Plan zurecht, ich entscheide immer erst wenn ich vor dem Pferd stehe und in seinen Augen geschaut habe.
    Das alles habe ich Spice zu verdanken er war der beste Lehrmeister in jeder hinsicht.

  • #6

    Kristina (Donnerstag, 19 Oktober 2017 11:34)

    Ja, Intuition ist so wichtig. Du bist da von Natur aus sehr gesegnet und hattest einen tollen Lehrmeister. Ich bin halt durch meine Reitvergangenheit in nicht sehr pferdefreundlichen Reitschulen und durch verschiedene Einflüsse so geprägt, dass ich zwischendurch immer mal wieder hinterfragen muss. Die menschlichen Gefühle und Automatismen können sehr komplex sein. Ich lerne da im Moment sehr viel. Erst gestern hatte ich mit einem Pferd und zwei Kindern ein besonderes Erlebnis. Aber das ergäbe jetzt einen Roman ;-)

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