Fragerunde - Wenn Pferde trotz Schmerzen geritten werden

Von kurzem habe ich einen ersten Teil einer Leserfrage beantwortet, wo es um Rückenschmerzen des Pferdes geht. Hier das Video dazu: Rückenschmerzen beim Pferd erkennen


Nun ging ihre Frage aber noch viel tiefer: "Die meisten Pferdehaben irgend ein grösseres oder kleineres Leiden und werde trotzdem geritten. Irgenwann entwickelt das Pferd Eigenheiten und Marotten die vom Besitzer als normal erklärt werden - das Pferd wird weiter geritten. Es gibt auch Kinderreithöfe die vorwiegend mit Billigpferden, sprich irgendwo geschädigte Pferde, arbeiten. Ich bin zum Schluss gekommen, dass Pferde einfach nicht zum Reiten sind. Ausnahmen: das Pferd ist noch jung und ganz sicher gesund und wurde immer schonend gebraucht. Wer macht das schon? Wie erklärst du dir das?" 
Im Video habe ich ein paar Tipps gegeben, wie man Rückenschmerzen erkennen kann. Doch sicherlich gibt es auch Menschen, die die Anzeichen bewusst oder auch unbewusst ignorieren. Hier ein paar Gründe:
  • Finanzielle Zwänge in den Reitschulen, deren Konzept darauf nicht eingehen kann
  • Fehlende Ideen, was man neben dem Reiten noch alles mit dem Pferd erleben und trainieren kann
  • Reiten wird nicht mehr als Privileg angesehen, sondern als Pflicht und Notwendigkeit

Müssen Pferde geritten werden?
Nein, ganz klar nicht! Warum auch? Sie werden nicht mit Sattel und Zaumzeug geboren. Ihr Körper muss zuerst auf diese Leistung vorbereitet werden. Denn von der Biomechanik her wissen wir heute, ihr Körper ist von Natur aus nicht dafür konstruiert Gewicht auf dem Rücken zu tragen. Genauso wenig, wie ein Hund einen Karren ziehen muss oder eine Kuh Milch für unseren Konsum. Pferde sind Pferde, und werden als Pferd geboren. Nicht als Kutschpferd, Reitpferd, Springpferde, Lastenträger. Sie alle sind Pferde. Einige sicherlich auf einen Nutzen hin vom Menschen gezüchtet. Aber das haben eben wir Menschen uns ausgedacht, nicht die Pferde. Und auch wie Menschen müssen nicht reiten. Nicht mehr heutzutage. Wir möchten es und vergesse mit der Zeit, was für ein Privileg es ist!

Reithöfe mit "Billigpferden"
Was die Leserin mit Billigpferden wohl meint sind Pferde, die mentale und physische Probleme haben und oft weniger gut ausgebildet sind. Sie werden dann oft ausgebunden, müssen Stunde um Stunde die Reitanfänger ertragen und werden nicht individuell gefördert. Aber ja, es gibt auch andere Höfe! Ich kenne diese und weiss, dass es anders geht. Ein Umdenken hat begonnen und das freut mich sehr. In diesen Schulen werden die Pferde gut ausgebildet und im Zweifelsfall nicht geritten. Die Schüler lernen nicht nur das Reiten, sondern auch vieles drum herum. Von Pflegen bis Bodenarbeit und Longieren, ein Mensch muss einiges Lernen um eine gute Zeit mit dem Pferd zu haben und dieses zu fördern. Doch auch sieht man noch immer viel trauriges. Das Problem liegt im System. Wenn wir Reiten nicht mehr Privileg sehen, und ich meine dies nicht aus finanzieller Sicht, dann muss ein Reithof Reitstunden geben um zu überleben. Oft bleiben die Pferde auf der Strecke und leiden still. Hier müssen auch die Eltern der Kinder lernen, dass es nicht immer ums Reiten geht und ihr Kind trotzdem bzw. gerade dadurch sehr viel lernen kann. Mit diesem Denken profitieren alle.

Sind Pferde zum Reiten gemacht?
Nur, wenn sie entsprechend geschult sind. Geschult im Sinne des Muskelaufbaus, Gleichgewichtes und Beweglichkeit und wenn keine körperlichen und mentalen Einschränkungen vorliegen. Dies hat dann meiner Meinung nach nicht unbedingt etwas mit dem Alter des Pferdes zu tun, jedenfalls nicht nach oben hin. Vor 4 Jahren sollte meiner Meinung nach ein Pferd klar nicht geritten werden, denn es befindet sich noch zu sehr im Wachstum. Leider wird dies oft bereits nicht beachtet! Oft sind einige Pferde in diesem Alter bereits eingeritten, eingefahren und müssen sogar schon Springen. Hier braucht es immer noch ein Umdenken.

Doch was ist jetzt besser, gar nicht reiten, selten reiten oder doch sehr regelmässig? Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten. Generell muss eben kein Pferd geritten werden. Wenn der Mensch dies aber möchte, muss das Pferd vor allem körperlich gefördert werden. Daran geht kein Weg vorbei. Dies kann auch sehr gut im Gelände sein, aber gezielte Förderung muss sein. Ebenso, wie der Mensch auch an seinen Fertigkeiten arbeiten muss, auch ausserhalb des Stalls. 

Warum möchten wir Reiten?
Diese Frage ist entscheidend! Und doch so schwierig zu beantworten. Jeder sollte sich darüber Gedanken machen. Und dann ist es eben wichtig wieder zu realisieren, was für ein Privileg es ist, wenn ein Pferd uns auf seinem Rücken duldet und mit uns durch dick und dünn geht. Pferde sind so unglaublich leidensfähig. Viele wehren sich nicht, leiden still. Deshalb müssen wir ganz genau hinschauen und hinfühlen! Dann können Mensch und Pferd vom Reiten profitieren und wachsen, körperlich und mental.

Ich wünsche euch viel Freude mit euren Pferden, ob reitend oder zu Fuss. 

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