Die Persönlichkeit des Pferdes entdecken

Wenn wir unserem Pferd etwas beibringen möchten, ist es relevant zu wissen, wie dieses Pferd lernt. Ich habe schon einmal über die Formen der Pause geschrieben. In dem Artikel geht es zu Teilen auch um die Persönlichkeit, bzw. den mentalen Zustand des Pferdes. Die wahre Persönlichkeit eines Pferdes zu erfassen ist äusserst komplex. Es gibt von verschiedenen Trainern Ansätze dafür. Von 4 Typen der Horseanality von Pat Parelli, über die Pferdepersönlichkeit von Linda Tellington-Jones bis hin zu den 26 Charaktergruppen von Klaus Ferdinand Hempfling. Das Buch von Linda Tellington-Jones habe ich aktuell noch nicht gelesen. Die Methode von Pat Parelli ist für mich eine Kombination aus einer Einstufung des Lernverhaltens und einer groben Persönlichkeitsanalyse. Denn würdest du deine Persönlichkeit einzig in eines von 4 Rastern einteilen können (rechte oder linke Gehirnhälfte aktiver, intro- oder extrovertiert), ohne dass da nicht mehr wäre? Dies ist sicher ein Teil von uns und unserem Pferd, aber nicht das grosse Ganze. 

 

Ich möchte die Persönlichkeit eines Pferdes gar nicht zwingend herausfinden, damit ich es besser trainieren kann. Ich möchte sie um ihrer selbst willen erkunden. Die Bedeutung des Trainings rückt für mich generell immer weiter in den Hintergund. Natürlich müssen wir ein Pferd, das geritten werden soll, muskulär darauf vorbereiten. Und auch ein Pferd, dass nicht geritten wird, profitiert von einem gesunden Körper. Dafür braucht es Training, mit eintsprechenden Hintergrundinformationen zur Biomechanik, gesunden Bewegungsäbläufen und einem sinnvollen Trainingsaufbau. Und doch dürfen wir die Persönlichkeit und die Psyche eines Pferdes nicht in den Hintergrund rücken lassen. Die Frage ist hier: was für Bedürfnisse hat eigentlich das Pferd? Generell und in dem Moment, in dem du den Stall betrittst. Hast du dir schon einmal diese Frage gestellt? Und dann dem Pferd auch wirklich zugehört? Ich möchte dies an zwei Beispielen näher beleuchten.
 
Heute nicht
Vor kurzem erlebte ich diese Situation. Nachdem ich ein Coaching auf dem Reitplatz gegeben hatte, wollte ich mit meinem Pferd auch noch etwas Longieren oder in Freiheit kommunizieren. Ich holte ihn aus dem Offenstall, wo er schon auf mich zu kam, putze ihn und wollte dann mit ihm Richtung Platz gehen. Doch alles was ich an Bewegung bekam war der vorgestreckte Kopf mit langem Hals meines Pferdes. Alle Beine standen wie angewurzelt. Auch der zweite Versuch ihn mit mir mitzunehmen endete in einem Giraffenhals. Ich verstand das "heute nicht", oder auch "nein danke" und entschied mich dazu, eine leichte Massage und Körperübungen mit ihm im Stall zu machen. Und siehe da, jetzt kam er ganz selbstverständlich mit mir mit, ging vorwärts und rückwärts und wippte auf meine Signale hin auf Vor- oder Hinterhand. Dann dachte ich mir, wenn er doch jetzt so gut mitkommt, warum nicht noch mal einen Anlauf nehmen auf den Platz zu gehen. Vielleicht war er jetzt bereit. Direkt erntete ich wieder den langen Giraffenhals von ihm. Er merkte natürlich umgehend, was ich im Sinn hatte. So blieben wir also im Stall und ich fand durch die Körperarbeit heraus, dass ihm das rechte Sprunggelenk etwas weh tat. Vermutlich hatte er am Morgen etwas zu intensiv mit seinem Freund auf der Weide gespielt. Ich hatte schon erzählt bekommen, dass wohl alle Pferde viel herumgesprungen waren.
 
Die Aufsteighilfe
Wenn ich mein Pferd reite, steige ich immer über eine Aufsteighilfe auf. Das schont den Rücken des Pferdes und den Sattel. Mein Pferd weiss genau, wo ich aufsteige, ob auf dem Platz oder am Stall für einen Ausritt. Es gibt Tage, an denen ich die Zügel gar loslassen kann und er kommt mit Schwung seitlich auf  mich zu, damit ich aufsitzen kann. Und es gibt Tage, da hält er bereits mehrere Meter davor an und möchte nicht mitkommen. Ein sehr klares Signal. Doch was machen wir daraus? Ich handhabe es von Situation zu Situation unterschiedlich. Mal wird er an solchen Tagen einfach nicht geritten, mal, wenn ich ihn mit sanfter Bestimmtheit überzeugen konnte zur Aufsteighilfe zu kommen, nur kurz. Und an anderen Tagen fühle ich, dass er dann doch Freude am Ausritt hat und so drehen wir unsere Runde.

Raus aus dem Schubladendenken
Für mich ist klar, dass die Persönlichkeit eines Pferdes etwas sehr komplexes ist. Sie lässt sich nicht in eine Schublade packen. Sie ist abhängig vom generellen Charakter, der schon sehr vielfältig sein kann, und ist geprägt von den gemachten Erfahrungen. Und dann ist es auch abhängig von der jeweiligen Situation. Wenn wir die Persönlichkeit erfassen wollen, müssen wir still werden, zusehen und hinfühlen was das Pferd uns sagen möchte. Dafür müssen wir unsere Sprache zu Teilen einmal ausblenden, denn auf unsere Fragen hin werden wir keine gesprochene Antwort vom Pferd erhalten. Wenn wir eine wirkliche Verbindung aufbauen möchten müssen wir herausfinden, was unser Pferd möchte. Und vielleicht tut die Antwort auch einmal weh, da wir uns anderes wünschen als es das tut. Aber wenn wir dies als Chance sehen, werden Pferd und Mensch über sich hinaus wachsen können. Dann haben wir nicht mehr im Kopf was wir ihm auf welche Art beibringen wollen. Sondern es wird sich einfach entwickeln und uns geschenkt. Davon bin ich überzeugt. 

Jiyuma-Freiheitsschulung
Pferde sind in unserer Obhut so stark fremdbestimmt, dass wir dann, wenn wir es könnten, vergessen sie nach ihrer Meinung zu fragen. Lieber machen wir Freiarbeit, die eher Freiheitsdressur ist und denken, ihnen damit etwas verlorenes zurück zu geben. Doch merken wir nicht, dass auch hier wieder wir bestimmen was wie gemacht wird. Und ja die Pferde haben nicht zwingend ein Problem damit. Je nach Herangehensweise  können sie zu Teilen eigene Ideen mit einbringen, teils ist der Plan im Kopf des Menschen aber vorgegeben und dominiert die Ideen des Pferdes. In meiner Freiheitsschulung geht es erst einmal um die Verbindung zwischen Mensch und Pferd und erst dann formen wir Bewegungen in Kooperation mit dem Pferd. Wenn wir den Raum geben, zeigt das Pferd uns ganz neue Wege und wir im Austausch mit ihm weitere Optionen. So entsteht gemeinsam etwas wunderbares. Körper und Seele des Pferdes können wachsen und strahlen.

Ich wünsche dir viele wunderbare Momente mit deinem Pferd!

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Kristina Gau Hiltbrunner

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