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Übung - Die Warum-Frage

Nebel hängt über dem Dorf und taucht die Weiden der anliegenden Ställe in ein undurchsichtiges Grau. Es ist Oktober und es liegen viele sonniger Herbsttage hinter mir. Für morgen ist Regen angesagt, was auch wirklich Zeit wird. Denn es ist seit vielen Wochen trocken. Für den Samstagnachmittag hatte ich eigentlich eine Demonstration zum "Reiten mit feinen Hilfen" geplant. Aber aufgrund der voraussichtlichen Wetterlage und der Situation der angekündigten Gäste, werde ich ein neues Datum suchen. Dies alles kommt irgendwie auch gelegen, denn ich schwirren Gedanken zum Reiten in meinem Kopf.

 

Wie oder Warum?

Seit vielen Jahren beschäftig mich die Frage, wie ich ein Pferd reite. Welche Reitweise, welche Bahnfiguren, welche Lektionen, welcher Sattel, welche Zäumung  und welche Hilfengebung. Alles Fragen, die für mich zum "Wie" gehören. Es sind wichtige Fragen. Doch plötzlich realisiere ich, dass die Frage nach dem "Warum" nie richtig beantwortet oder gar gestellt wurde. Warum reite ich überhaupt? Weil ich es schon "immer" mache. Ja aber WARUM? Welches Bedürfnis stillt es? Warum möchte ich Pferde ausbilden? Warum reiten? Warum mich vom Wesen Pferd tragen lassen?

Puh, in diesem Moment wünschte ich mir die "Sorgen" anderer Pferdemenschen. Die, wenn sie sich fragen, welche Farbe die Gamaschen nächstes Jahr haben sollen, oder nach welcher Vorlage der Pferd diesen Winter geschoren werden soll. Ich möchte damit niemandem zu nahe treten, aber all das ist für mich so weit entfernt. Wie die Pferde, die ich heute im Nebel kaum sehen kann. So viele Fragen, die andere und teils auch mich beschäftigen, sind kaum von Bedeutung, wenn die Frage "Warum" nicht gestellt wird. Dies auch für Bandagen und Scheren, wenn man sich wirklich ernsthaft damit beschäftig.

 

Die Ausreden

Ebenso spannend wie die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen ist die Tatsache, wie schnell man selber Ausreden für sein Verhalten findet und gedanklich fast unbemerkt das Thema wechselt. Da frage ich mich also warum ich reite und wenige Sekunden später suche ich nach Erklärungen, warum es meinem Pferd gut tut und anscheinend auch gefällt. Das war aber nicht Frage? Die Frage, ob es meinem Pferd gut tut und in irgendeiner Form Spass macht kommt später. Sie beantwortet aber nicht die Frage nach dem "Warum". Toll, wie ich selber bislang Ausreden finden konnte, ohne weiter nachforschen zu wollen. Und warum das? Weil diese grundlegenden Fragen nicht so einfach zu beantworten sind und im ein oder anderen Moment sogar etwas schmerzen. Ja, Erkenntnisse können schmerzen und genau deshalb sind sie wichtig. Wer möchte sich dauerhaft schon gerne selber belügen. Irgendwann holt es einen eh wieder ein.

 

Nie mehr Reiten?

Aber führt die Auseinandersetzung mit den wahren Gründen des  Reitens automatisch zu dem Schluss, dass man nie wieder reiten kann? Eventuell ja, aber nicht zwingend. So hat es aktuell mich dazu gebracht, dass ich Details anpassen werde. Dies beinhaltet weniger, aber bewusster zu reiten, mehr zu Fuss zu üben und meinen Fokus noch ein bisschen mehr auf mir selber zu haben. Das "Reiten mit feinen Hilfen" wird so eine noch höhere Ebene erreichen. Wir beschäftigen uns meist intensiv mit der Frage, wie wir ein Pferd reiten wollen. Warum überhaupt rückt dabei in den Hintergrund. Welches Bedürfnis stillst du damit? Was löst es in dir aus?

Pferdefreundliche Ausrüstung
Vor ein paar Tagen wurde ich zur Nutzung von Knotenhalftern gefragt, was mir auch schon im Kopf herum schwirrte. Einen Tag nach der Frage und meiner Antwort "mein Pferd fühlt sich damit offenbar ganz wohl" entschied ich, dass ich die nächste Zeit vermehrt spazieren gehen würde. An einem sonnigen Nachmittag ging es los. Ausrüstung wie gehabt und auf Richtung Wald. Dann mein Blick aufs Knotenhalfter und erneute Fragen in meinem Kopf. So legte ich mal einen Finger unten einen der Knoten. Wenige Sekunden später war der Strick ab und um den Hals gelegt. Ich war doch erstaunt wie sehr es drückte, als der Strick mit dem schweren Karabiner befestigt war. Das ging so nicht, also gingen wir mit Halsseil weiter. Es war ein wunderschöner Spaziergang und ich hatte das Gefühl, dass auch Samson sehr zufrieden damit war. Das Thema der pferdefreundlichen Ausrüstung ist also auch wieder auf dem Tisch. Sei es für einen Spaziergang, oder eben auch fürs Reiten. Denn ich war in der letzten Zeit vermeht mit Knotenhalfter geritten.

 

DIE ÜBUNG

JA, es soll ja eine Übung geben in diesem Artikel. Ich hab wohl ein bisschen weit ausgeholt dieses Mal. Hier ist sie nun:

  1. Suche dir ein beliebiges Thema, das dich beschäftigt. Zum Beispiel die Pferdehaltung, das Reiten, Freiarbeit oder auch Ängste, die du hast.
  2. Dann frage dich "Warum?".
  3. Frage es immer wieder, wie ein kleines Kind es tut und die Erwachsenen langsam in Erklärungsnot geraten.
  4. Achte dich darauf, dass du nicht vom eigentlichen Thema abschweifst. Falls es passiert ist, komme zur Ausgangsfrage zurück.
  5. Nimm dir viel Zeit für diese Übung. Solche komplexen Gedanken sind nicht in 5 Minuten abgeschlossen.
  6. Schreib dir am besten auf, zu welchen Erkenntnissen zu gekommen bist. Diese kannst du später immer wieder mit der Frage "Warum" vertiefen.

Wenn du nicht weiter kommst, dir die richigen Fragen einfach nicht einfallen wollen, bin ich gerne für dich da. Ich helfe dir dabei, die weitere Frage zu stellen. Beantworten musst du sie aber für dich selber. Melde dich gerne für eine Online-Beratung an. Gemeinsam können wir deine Themen anschauen.

 

Weitere Übungen findest du hier: Blog-Übungen

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