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Wie empfinden Pferde Lob?

Jedes Pferd ist ein unverwechselbares Individuum. Und so unterschiedlich wie sie sind, wo verschieden sind auch ihre Vorlieben.

 

Als Pferdetherapeutin nutze ich den kinesiologischen Muskeltest um herauszufinden, wo sich Stress im Organismus befindet. Dies ist ein nützliches Hilfsmittel zum Finden der passenden Therapieform. Aber auch emotionale Zustände lassen sich auf diese Weise austesten und gegebenenfalls entsprechend behandeln. Ich habe emotionale Themen von Anfang an mi therapiert, habe dies seit etwa einem Jahr nun aber zu meinem Hauptschwerpunkt gemacht .

 

Im Mai 2019 habe ich zum ersten Mal die Lobformen für mein Pferd ausgetestet. Durch meine Persönlichkeit nehme ich schnell einmal Ausdrücke von Kunden an und nutze diese dann ebenfalls. Doch nicht immer fühlten diesen diese Ausdrücke für mich authentisch an. So stellte sich mir zwangsläufig auch die Frage, welche Lobform und vor allem welche Worte und der entsprechende Tonfall für das jeweilige Pferd am angenehmsten empfunden wird. So entstand die Idee einer kleinen Studie und 17 Pferde wurden mir hierfür zur Verfügung gestellt.

 

Natürlich sind auch die jeweiligen Emotionen hinter dem Wort entscheidend. Doch je mehr wir über die Intelligenz von Pferden lernen, desto mehr wird klar, dass wir es mit sehr komplexen Lebewesen zu tun haben. Für mich ist klar, dass sie Emotionen sehr gut erkennen, aber wie die Testreihe zeigt, ist es sogar noch komplexer.

Ringtest für den kinesiologischen Muskeltest
Ringtest für den kinesiologischen Muskeltest

Nachfolgend möchte ich die Ergebnisse der Studie vorstellen. Ich habe sie in 3 Teile unterteilt:

  1. Das Wort
  2. Der Tonlage
  3. Andere Lobformen

Ich habe hierfür die Pferde aufgeführt, die beim jeweiligen Test keinen Stress anzeigten. Wenn also 1 Pferd keinen Stress anzeigte, so erzeugte die gleiche Frage bei allen 16 anderen Pferden Stress.

 

Nachtag auf Leserwunsch:

Was bedeutet Stress in dem Zusammenhang?

Der über die Kinesiologie ausgetestete Stress bedeutet nicht, eine erhöhte Muskelspannung, wie man sie an der Mimik vielleicht ablesen könnte.  Es ist kein Stress im psychischen Sinne. Stress zeigt sich hierbei durch einen kurzfristigen Verlust an Muskelspannung (nicht optisch sichtbar). Über den Muskeltest wird ausgetestet, ob der Tonus gleich stark bleibt, oder kurzfristig schwach wird.

 

Doch wie genau ist das denn mit dem Stress? Wenn dein Name Sara ist und ich während dem Test sage „Dein Name ist Sara“, dann wird über die Kinesiologie kein Stress angezeigt. Denn ist handelt sich hierbei um eine richtige Aussage, die du mit Ja beantworten würdest. Wenn ich nun aber sage „Dein Name ist Antonia“, so würde der Muskeltest Stress anzeigen. Denn es ist eine Aussage, die du mit Nein beantworten würdest. Sie löst daher kurzfristig Stress aus.

 

Hier noch eine weitere Erklärung, warum dieses Thema relevant sein kann. Stell dir bitte einfach vor, du hast am Abend etwas für deinen Gäste gekocht. Als sie da sind sagen sie zu dir „Das hast du aber fein gemacht!“, „Danke hast du für uns gekocht!“ oder „Bist du eine brave hast du für uns gekocht!“. Wie fühlen sich die jeweiligen Aussagen für dich an? Ja, es sind vermenschtlichte Beispiele. Aber es zeigt für mich sehr klar, wie eine Grundidee des Lobens oder Dankens sehr verschieden empfunden werden kann. Die Ergebnisse des Tests zeigen klar, dass es auch für Pferde sehr unterschiedlich ist, wie sie Worte wahrnehmen.

 

Ist es nun schlimm, wenn wir eine stressauslösende Tonlage nutzen? Nein, davon geht die Welt nicht unter und dein Pferd wird wohl trotzdem verstehen, was du damit ausdrücken möchtest. Aber wenn eine Lobform Stress auslöst, kann der Lerneffekt gehemmt werden. Je grösser der Stress oder die Aufregung, desto geringer der positiv empfundene Lerneffekt.

 

Da ich möchte, dass sich das Pferd möglichst wohl fühlt und gut lernen kann, nutze ich gerne die als angenehm empfundene Lobform, abhängig von der jeweiligen Situation.

 

Ich habe in diesem Video noch ein paar Infos zur Studie erklärt: VLOG 9 - Lobformen für Pferde

 

Nachfolgend möchte ich die Ergebnisse kurz vorstellen. Beginnen wir mit dem Wortlob.

Hier die Auswertung zur Wortwahl:

Das Wort „Ja“ ist nicht ein direktes Lob, sondern meist eher ein Verlaufslob. Auffallen war, dass nur ein Pferd beim Wort „Fein“ keinen Stress anzeigte. Alles amderem 16 Pferde reagierten darauf mit Stress.

 

Bei der Wortwahl kommt es, wie bereits erwähnt, zudem natürlich auch auf die Emotion dahinter an. Hierfür ist aber nicht nur die Freude entscheidend, sondern auch weitere Ebenen. Verschiedene Worte haben unterschiedliche Bedeutungen. Sich damit zu beschäftigen kann helfen sich für sich selber bereits klarer zu werden. Also was bedeuten verschiedene Worte für dich und welche Emotionen lösen sie in dir aus? Doch das Pferd kann dies dann trotzdem noch einmal anders empfinden. Ich sehe da Analogien zu Spitz- oder Kosenamen. Auch hier kommt es auf beide Parteien an, wie es empfunden wird.

 

Weiter geht es mit der Tonlage:

Nachdem wir uns die Worte angesehen haben, ist auch die Tonlage etwas sehr interessantes. Vor allem Frauen neigen wohl dazu, mit Tieren automatisch sehr hoch zu sprechen. Obwohl dies sicherlich auch authentisch sein kann, ist es doch eine Form der Verniedlichung. Wir sprechen mit kleinen Kindern so, aber nicht mehr mit Erwachsenen. Warum sollten wir dann mit erwachsenen Pferden so sprechen? Aber auch hier kommt es auf das Pferd drauf an. Die Testreihe hat  gezeigt, dass nur ein Pferd bei hoher Tonlage kein Stress anzeigte. Die meisten Pferden fühlten sich mit normalen Tonlagen, die von Mensch zu Mensch variieren, am wohlsten. Aber auch viele Pferde zeigten bei tiefen Tonlagen keinen Stress. Natürlich kann man die Stimme in hoher Lager zur Aktivierung benutzen. Aber ein Lob in Bezug auf Wertschätzung und Wohlbefinden scheint dies in aller Regel nicht auszulösen.

 

Ich möchte dir empfehlen dich selber einmal in Bezug auf die Tonlage zu beobachten. Variiert deine Tonlage von Situation zu Situation in deinem Alltag? Wie nutzt du deine Stimme, wenn du nicht darüber nachdenkst?

 

Und nun noch die Auswertung zu anderen Lobformen:

Da nicht nur mit der Stimme gelobt werden kann, wollte ich gerne auch noch andere Lobformen austesten. Pausen habe ich bewusst nicht mit auf die Liste genommen, da ich diese nicht als Lob definiere. Getestet wurden drei verschiedene Berührungsformen, Futter generell und Futter mit einem Clicker oder Markersignal.

 

Berührungen können je nach Körperregion ebenfalls verschieden wahrgenommen werden. Ein Pferd, bei dem ich von verschiedenen Körperpartien wusste, zeigte deutlich Stress auf der Stirn an, aber keinen am Hals. Auch hier zeigt sich wieder, dass eine Verallgemeinerung nicht möglich ist. Das Pferd entscheidet, was es als angenehm empfindet. Auch ein spezielles Thema ist das Klopfen. In vielen Reiterkreisen wird dies als übergriffig empfunden und Reiter gewöhnten es sich ab. Doch fünf Pferde zeigten hierbei keinen Stress an. Wenn sich Mensch und Pferd damit wohl fühlen, warum dann es abgewöhnen? Das macht schlichtweg keinen Sinn. Aber die Auswertung zeigt trotzdem deutlich, dass Kraulen die grösste Akzeptanz zeigte. Meiner Einschätzung nach macht es Sinn, die Berührung situationsbedingt anzupassen. Aber wenn Klopfen Stress auslöst, sollte man besser andere Lobformen wählen.

 

Beim Clickern und Futter kann man dazu sagen, dass dies natürlich auch entsprechend trainiert bzw. konditioniert werden kann. So ist es sicherlich möglich, dass ein Stress bei einer Leckerligabe positiv verändert werden kann. Aber das muss man von Pferd zu Pferd anschauen.

 

Am Beispiel von Samson möchte ich gerne erklären, was Stress und was keinen Stress anzeigte.

Fein: Stress; Brav: Stress; Toll: Kein Stress; Gut: Kein Stress; Klasse: Kein Stress; Super: Kein Stress; Sehr gut: Stress; Good Boy: Stress; Prima: Stress; Danke: Kein Stress; Der Beste: Stress; Ja: Kein Stress; Tonlage Hoch: Stress: Tonlage normal: Kein Stress; Tonlage tief: Kein Stress; Clicker: Stress; Futter: Kein Stress; Streicheln: Stress; Kraulen: Kein Stress; Klopfen: Stress

 

Bedeutet Streicheln für Samson jetzt immer Stress? Nein, absolut nicht! Aber im Kontext des Lobes ja. Dies gilt es zu beachten.

 

Schlussgedanken

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lob etwas sehr individuelles für Mensch und Pferd ist. Der Mensch sollte sich damit beschäftigen, welche Bedeutung die einzelnen Lobformen für ihn haben und welche Emotionen und Gedanken dahinter stehen. Dann macht es Sinn für das jeweilige Pferd zu schauen, was es als angenehm empfindet, damit es seine Wirkung auch wirklich erzielen kann.

 

Möchtest mehr über die emotionalen Bedürfnisse deines Pferdes erfahren? Gerne helfe ich dir dein Pferd besser verstehen zu lernen. Zudem hilft es die Mimik und den Muskeltonus des Pferdes zu beobachten. So kann man bereits erste Rückmeldungen erhalten. Wird ein Pferd bei der Gabe von Futter nervös und aufdringlich, oder zeig es Anspannung in der Mimik, so sind das klare Signal für Stress! In einer persönlichen Einzelanalyse kann man auf noch mehr Details und verschiedene Situationen eingehen, wie eben z.B. einzelne Körperregionen für das körperliche Lob oder auch Situationen im alltäglichen Umgang in Bezug auf Lob. Dies hätte aber den Rahmen dieser Studie gesprengt.

 

 

Ein grosser Dank geht an die freiwilligen Probanden:

Andrea mit Topi, Jasmin mit Aramis, Sandra mit Emilio, Sonja mi Kelly, Rebecca mit Lea, Erina mit Melody, Caroline mit Kvix, Dörthe mit Basse, Pico und Annabel, Sandra mit Harley, Kathi mit Joy, Martina mit Lakritz, Mira mit Didi, Livia mit Scarlett, Laura mi Hilona, sowie an Samson.

Und ein Dank an Chris Wolf für die Inspiration und den spannenden Austausch!

Emotionale Behandlung: Jiyuma- Balance Therapie

Online-Beratung: Jiyuma Unterricht

 

Zum Weiterlesen: Vom Loben und Danken


Hier eine Zusammenfassung der am häufigsten gestellen oder die wichtigsten Fragen zu dem Test und meiner Studie:

 

Frage:

So wie ich das verstehe, ist der Stresstest in der Kinesiologie an Muskelaktivität geknüpft (ich lasse mich hier auch gerne korrigieren). Wenn ein Pferd durch das Lobwort motiviert wird, sich "aufplustert", sprichwörtlich die Ohren spitzt, ist dies ja auch mit Muskelaktivität verbunden und würde unter die Beobachtungen fallen. Ausserdem stellt sich mir die Frage, ob "kein Stress" gleichzusetzen ist mit "keine Reaktion".

Antwort: Ja, beim kinesiologische Muskeltest geht es um Muskelaktivität, jedoch subtilere als das Spitzen von Ohren. Letztes kann man mit dem Auge erfassen. Die feinen Reaktionen, die man über die Kinesiologie sichtbar macht, kann man nicht am Pferd sehen. Wenn kein Stress angezeigt wird, bleibt der Muskel stark, das heisst in seinem normalen Tonus. Wenn Stress angezeigt wird, dann wird der Muskel schwach und verliert an Spannung! Daher kann man den Stress nicht optisch erkennen. Es ist ein anderer Zusammenhang. Kein Stress ist nicht gleichzusetzten mit keiner Reaktion beim Pferd. Das sind eben verschiedene Ebenen. Aber ein Klopfen kann durchaus im kinesiologischen Muskeltes als auch optisch sichtbar eine Reaktion auslösen.

 

Frage:

Aber gibt es nicht auch postiven Stress?

> Antwort:

In der Psychologie unterscheidet man zwischen negativen und positivem Stress. Freudige Erregung wäre generell kein Stress in dem Sinne, wie es ausgetestet wird. Stress im kinesiologischen Sinn bedeutet Verlust an Muskelspannung (nicht optisch sichtbar). Keine Stress bedeutet muskulär daher keine Reaktion in Bezug auf eine Schwächung. Man kann es eben nicht mit Stresssymptomen vergleichen, auf die wir zB im Training achten! Mentaler Stress lösst dann ja eine Anspannung in der Muskulatur aus. Die Kinesiologie ist eine Therapieform und hat einen anderen Fokus.

 

Frage:

Ist Stress dann jetzt gut oder nicht? Von wegen umdenken. Stress ist für mich erstmal negativ behaftet. Was sowohl mental, als auch körperlich sichtbar/messbar sein müsste.

> Anwort: Ja, Stress ist in dem Zusammenhang auch negativ zu bewerten. Es ist eben über den Muskeltest nachweisbar. Aber wie schon angemerkt wurde, ist es wissenschaftlich nicht anerkannt und in dem Zusammenhang eben nicht mit einem mechanischen Sensor messbar. Wenn ich ein Pferd klopfen und das über den Muskeltest Stress anzeigt, so kann das auch optisch sichtbar sein.

 

Frage:

Dann muss ich ja jetzt wohl mein Loben ändern!

> Antwort:

Nicht unbedingt. Es kann gut sein, dass selbst wenn du "Fein" mit hoher Stimme sagst es für dein Pferd und dich genau richtig ist. Ich habe jetzt noch ein zweites Pferd, dass darauf ohne Stressindikation reagiert. Man muss es wirklich von Fall zu Fall anschauen!

 

Frage:

Kann ich nicht ein Pferd auf ein Lob konditionieren?

> Antwort:

Ja, konditionieren kann man natürlich und das macht man ja so oder so. Ein Pferd kann durchaus lernen und verstehen, was wir mit einem Wort meinen. Das heisst im Umkehrschluss aber nicht automatisch, dass es sich mit einer anderen Lobform nicht wohler fühlen würde.

 

> Frage:

Hier fiel jetzt ganz oft, dass Stress in der Kinesiologie etwas ganz anderes sei... Das hier habe ich gerade auf einer Kinesiologie Website gelesen und verstehe es aber nicht ganz: „In der Kinesiologie bedeutet all das Stress, was den freien Fluss der Körperenergie stört und sich in einem schwachen Muskel zeigt.“ Wieso zeigt sich Stress in einem schwachen Muskel? Was ist die Hypothese dahinter? Sollte Stress nicht unseren Muskeltonus erhöhen (so habe ich das gelernt, deswegen gibt’s im Menschenbereich auch Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation).
Der Stressindikator hier beim Pferd war ja auch ein schlaffer Muskel.

> Antwort:

Das ist eine sehr gute Frage! Danke dafür. Wenn es einen Stressor gibt und der Energiefluss kurzfristig stört wird, dann reagiert der Muskel nicht mit Anspannung oder Spannungsverlust. Es ist immer am eindrücklichsten, wenn man es mal am eigenen Körper gespürt hat. Da geht online leider nicht. Wenn zB eine Frage gestellt wird und das Stress auflöst, so ist das sehr kurz. Also nicht ein Dauerzustand. Wenn der Energiefluss gestört wird, dann schwächt das den Körper. Je länger der Stressor vorhanden ist, desto stärker wird der Körper bzw einzelne Systeme geschwächt. > Nachfrage:
Aber auf kurze Sicht sollte ein akuter Stressor ja Adrenalin anregen und der bringt den Körper ja in Hab-Acht-Stellung. Wir müssen dann ja schließlich entweder fliehen oder kämpfen können. Oder wäre die erschwachte Muskulatur praktisch unmerklich zwischen Stressor und Adrenalin gepackt?

> Antwort: Ja, das wäre alles in Kombination möglich. Es ist eben kein Stressor, der Flucht auslöst im eigentlichen Sinne. Man kann so zB auch Futtermittel austesten. Wenn ein Futtermittel Stress für den Organismus anzeigt sind Organe mitunter unter Spannung, aber nicht der Körper direkt auf Flucht eingestellt.

 

> Frage:

Was möchtest du denn eigentlich mit der Studie erreichen?

> Antwort:- Zeigen, dass jedes Pferd individuell auf verschiedene Lobformen reagiert und dass dies nicht immer im Verhalten zu erkennen ist.
- Ich möchte anregen sich mit seinem eigenen Lobverhalten zu beschäftigen. Das soll bewirken, dass man nicht pauschal ein Lob für alle Pferde nehmen kann. Klopfen kann aber durchaus geeignet sein (dies wird ja oft entweder komplett abgelehnt oder immer angewendet).
- Zudem möchte anregen, dass man das Pferd vielleicht noch mehr als Persönlichkeit und Inviduum ansieht, als man es vielleicht bereits tut.