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Ist es vielleicht nur ein Missverständnis?

Handelt es sich um Dominanz oder vielleicht doch nur um ein Missverständnis?

Um eines bereits vorweg zu nehmen: Es gibt keine dominanten Pferde, sondern es gibt dominantes Verhalten. Das ist ein wichtiger Unterschied!

 

Kürzlich kamen Kunden mit ihrem Polnischen Warmblutwallach zu mir auf den Platz. Ich kenne den Wallach schon für eine ganze Weile, hatte ihn aber ein paar Monate lang nicht gesehen. Mir wurde erzählt, dass er dem Besitzer im Training vor kurzem erst auf den Zeh gestanden sei und generell mit dem Abstand halten so seine Schwierigkeiten habe. Also hat es vielleicht doch mit dominantem Verhalten zu tun?

 

Wir schauten uns einige Übungen am Boden an und schnell wurde mir klar, was bei grossen und weniger reaktiven Pferde, wie grosse Warmblüter oder Kaltblüter, oft zu Problemen führt. Bei dieser Art Pferd hat man zum einen schnell das Gefühl, deutlicher kommunizieren und das Pferd gleichzeitig besser kontrollieren zu müssen. Mit Kontrolle meine ich zum Beispiel eine kürzere Stricklänge beim Führen und mit deutlicher ist in aller Regel mehr Druck gemeint, der meist schon vom ersten Signal an höher angesetzt wird. Spannend dabei ist , dass der Wallach auf Impulse und Kontakt am Strick je nach Situation sehr unterschiedlich reagierte. Auf der Volte longiert, ignorierte er den stetigen Kontakt am Seil. Er lief zwar im entsprechenden Abstand weiter, machte aber ansonsten mit seinem Hals und Kopf was er wollte. Es war deutlich, dass er mit der Hilfe von Halfter und Strick bei grösserem Abstand nichts anzufangen wusste. Brachen wir die Übungen in klarere Teile auf, gaben ihm also mehr Strick und nahmen ihn nur dann an, wenn wir etwas von ihm wollten, bekamen wir deutliche Reaktionen.

 

Ein etwas anderes Bild zeigte beim Führen. Hier sorgte der kurze Strick dazu, dass er sehr nah bzw. immer näher kam. In solch einen Fall stellt sich schnell die Frage, wer zuerst mit dem Körperkontakt begonnen hat, Mensch oder Pferd? Hinzu kommt, dass er bei Körperkontakt eher mit einem Gegendruck reagierte, was die Situation noch schwieriger macht.

 

Begonnen haben wir mit einer Übung auf dem Aikido. Das Pferd steht hierbei und der Mensch stellt sich neben die Schulter. Nun muss ein Gefühl der Zentrierung und Verwurzelung erzeugt werden. Wenn der Mensch soweit ist, lehnt er sich an die Schulter des Pferdes und verschiebt die Vorhand ohne jede Muskelanspannung seinerseits. Das Pferd weicht darauf ohne jeglichen Gegendruck. ACHTUNG: Diese Übung ist für ungeübte Menschen nur schwer bis nicht durchführbar. Man muss wissen, wie es sich anfühlt auf diese Art bewegt zu werden. Gerne zeige ich es in entsprechenden Übungen vor Ort.

Der Wallach reagierte wunderbar auf diese Übung. Sie zeigte, wie fein er doch reagiert, obwohl er teils eher behäbig und schlaksig wirkt.

 

Als nächstes machten wir weitere Führübungen. Es zeigte sich schnell, wie gut er Abstand halten kann, wenn ihm Raum gegeben wird. Das bedeutet, dass wir das Führseil leicht durchhängen haben. Auch das funktionierte wunderbar. Aber was ist denn jetzt mit dem Fall, wo er dem Besitzer auf dem Fuss gestanden war? Zum einen war dies eine Situation, in der sich der Wallach offenbar erschreckt hatte. Doch ist das eine Erklärung oder Entschuldigung? Noch viel wichtiger hierbei ist der Fakt, dass er ein ausgeprägter Linkshänder ist. Steht man auf seiner linken Seite bereits sehr nah bei ihm, ist die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls aktuell sehr hoch. Denn er wird sich tendenziell über das linke Vorderbein ausbalancieren. Ein kleiner Ausfallschritt nach links kann dann schon für unsere Füsse ein Problem bedeuten. Als Training hilft hierzu zum einen, dass der Mensch weiss wo und mit wie viel Abstand er bei ihm steht und natürlich wird auch die Gymnastizierung einen guten Teil dazu beitragen, dass er sich besser ausbalancieren kann.

 

Bleibt die Frage, ob man mit solch einem Pferd denn nun nie körperlich werden darf. Doch, das  darf bzw. muss man, wenn die Situation eskaliert und es um die eigene und die Gesundheit des Pferdes geht. Was muss, das muss. ABER, wichtig ist solche Situationen vorweg abzugreifen und es zu keinen Missverständnissen kommen zu lassen. Das alles ist ein Lernprozess für Mensch und Pferd. Denn wenn wir uns nicht kritisch mit der Frage des Grundes für Verhalten beschäftigen, dann reagieren wir sehr wahrscheinlich falsch und beim Pferd wird das zu Verwirrung sorgen.

 

Also wenn du bemerkst, dass du Spannung auf dem Führseil hast und dein Pferd dir immer näher kommt, bis du es über die Schulter wegschieben willst, dann frage dich: Bist du nicht vielleicht der Auslöser und bist in den Raum des Pferdes gegangen?  Wenn dem so ist, dann ist es an dir etwas zu verändern, nicht am Pferd. Das oben genannte Beispiel mit dem starken Unterschied zwischen Longieren und Führen zeigt aber auch, wie situationsbedingt Pferde reagieren. Auch hier muss man aufmerksam bleiben und Übungen eher in noch mehr Zwischenschritte aufteilen, als gleich deutlicher zu werden. Denkpausen können von Pferd zu Pferd auch sehr unterschiedlich lang sein müssen, damit es verstehen kann. All das möchte ich dich bitten zu bedenken, denn ein weniger reaktives Pferd ist nicht unsensibler als andere Pferde! Es zeigt sich nach aussen hin nur anders und reagiert auf andere Art und Weise als ein Pferd mit einer anderen Reizschwelle, Persönlichkeit und Erfahrungswerten.

 

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